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Besiedlung Tasmaniens durch Weiße
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Die Besiedlung Tasmaniens durch Weiße begann im 17. Jahrhundert etwa 36 Jahre nach der ersten Besiedlung Australiens durch niederlĂ€ndische Seefahrer. Auch malaiische und portugiesische Seefahrer gelangten ungefĂ€hr in der gleichen Epoche nach Tasmanien, und danach wurden Forschungsreisen durch Entdecker mehrerer NationalitĂ€ten durchgefĂŒhrt.

Contents

‱ Zeittafel
‱ Portugiesen
‱ Malaien
‱ James Cook

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Zeittafel

‱ 1642 entdeckte der niederlĂ€ndische Seefahrer Abel Tasman die Insel Tasmanien fĂŒr die EuropĂ€er. Er segelte im Auftrag des Generalgouverneurs von NiederlĂ€ndisch-Ostindien Anton van Diemen, weshalb er die Insel auch Van-Diemens-Land nannte.
‱ 1798 umrundete KapitĂ€n Matthew Flinders das Eiland und belegte damit Tasmaniens Inselcharakter, wĂ€hrend Tasman noch von einer Halbinsel ausgegangen war.
‱ 1803 wurde Tasmanien britisch.

Entdeckungsgeschichte – Auf der Suche nach der Terra Australis incognita

EuropĂ€ische Historiker geben meist als offiziellen Entdecker Australiens den HollĂ€nder Willem Jansz an. Im Zuge der Kolonialisierung von Indonesien passierten zu dieser Zeit viele hollĂ€ndische Frachtschiffe den Indischen Ozean. Jansz machte 1606 den Versuch, an der WestkĂŒste der australischen Yorkhalbinsel bei Mapoom zu landen, wurde jedoch von den Aborigines in die Flucht geschlagen. 200 Meilen weiter sĂŒdlich erlaubten ihm die Mitglieder der Aurukum an Land zu gehen. Umgehend begannen sie eine Siedlung zu errichten. Anfangs war das VerhĂ€ltnis zu den Einheimischen entspannt; als aber die Siedler eine Aboriginal entfĂŒhrten, kam es zu blutigen Auseinandersetzungen. Die HĂ€lfte der HollĂ€nder kam dabei ums Leben und die Siedlung wurde aufgegeben.

Bis zu diesem Zeitpunkt war Australien – beziehungsweise ‘Neuholland’, wie es im 17. und 18. Jahrhundert genannt wurde – auf keiner Weltkarte erfasst; dennoch kursierte bereits viel frĂŒher das GerĂŒcht ĂŒber die Existenz eines SĂŒdkontinents (terra australis). In Europa war man ĂŒberzeugt, dass im SĂŒden der Erdhalbkugel noch eine weitere grĂ¶ĂŸere Landmasse existieren mĂŒsse, da es sonst unmöglich sei, dass die Erde in ihrer Achse die Balance halten könne.

Portugiesen

Bereits Anfang des 16. Jahrhunderts bereisten portugiesische Schiffe den Westpazifik. Neuguinea wurde 1525 von den Spaniern und Portugiesen entdeckt. Vermutlich ist es den Portugiesen zu verdanken, dass bereits im ausgehenden 16. Jahrhundert, circa zehn Jahre vor der Landung von Jansz, in England eine, wenn auch sehr grobe Karte von Australien existierte (Przemyslaw 1990 : 89f).

Selten findet dieser Umstand in der Entdeckungsgeschichte Australiens ErwĂ€hnung. Dabei war der Gelehrte Richard Henry Major bereits Mitte des letzten Jahrhunderts aufgrund einer (anderen) Karte von der Entdeckung des australischen Kontinents durch die Portugiesen ĂŒberzeugt: „Die Tatsachen, die ich zusammenbringen konnte, haben mich zum Schluss gefĂŒhrt, dass das von mir erwĂ€hnte Land, das auf französischen Karten als Java - la - Grande bezeichnet wird, nichts anderes als Australien sein kann, und dass es vor 1542 entdeckt wurde, kann fast als erwiesen gelten. [...] Wir mĂŒssen deshalb zum Schluss gelangen, [...] dass die Entdeckung des Kontinents Neu-Holland den Portugiesen zuzuschreiben ist. The facts which I have been able to bring together lead me to the conclusion that the land described as Java - la - Grande on the French maps to which I have reffered can be no other than Australia, and that it was discovered before 1542 may be almost accepted as demonstrable certainity. [...] We must therefore come to the conclusion [...] that the discovery of the continent New Holland belongs to the Portuguese“ (Mc Intyre 1977 : 200).

Kenneth Mc Intyre hat diese Theorie 1977 wieder aufgegriffen und kommt zu dem Ergebnis, dass die Portugiesen bereits in den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts Australien betreten hatten. Im selben Jahr fĂŒhrte Mc Kiggan seine Recherche zum gleichen Resultat. Er datiert die Entdeckung von Australien durch EuropĂ€er (Portugiesen) auf das Jahr 1522 (Mc Intyre 1977 : 200; Mc Kiggan 1977). Es gibt sogar Hinweise, dass die Portugiesen bereits in Tasmanien landeten (Robson 1983 : 3). Wie dem auch sei; LogbĂŒcher oder andere schriftliche Quellen aus dieser Zeit liegen nicht vor, weshalb diese Epoche in diesem Zusammenhang nur von sekundĂ€rer Bedeutung ist.

Malaien

Ebenfalls selten ErwĂ€hnung in der Geschichtsliteratur finden nichteuropĂ€ische Meeresexpeditionen in der australischen Entdeckungsgeschichte. Die NordkĂŒste Australiens war den Seefahrern des malaiischen Archipels bereits lange vor Ankunft der EuropĂ€er bekannt (Wopfner 1997 : 1). SpĂ€testens seit dem 15. Jahrhundert waren Handelsreisende aus Neuguinea auf den Inseln der Torresstraße und der Kap-York-Halbinsel prĂ€sent (Przemyslaw 1990 : 91f). Auch zwischen den Bugis aus Sulawesi und den Aborigines Nord- und Westaustraliens herrschten langjĂ€hrige Handelsbeziehungen (Przemyslaw 1990 : 91ff). Ihr Hauptinteresse galt der Seegurke (Holoturia nobilis), die damals wie heute in Asien und dort vor allem in China als Delikatesse gehandelt wurde. Der Seegurke, bekannter unter dem Namen Trepang, wurden große Heilwirkung und magische Eigenschaften (Aphrodisiakum) zugeschrieben. In Australien wurde sie gefischt und konserviert. Eine Saison dauerte vier bis fĂŒnf Monate. Zwischen dem 15. Jahrhundert bis ins ausgehende 18. Jahrhundert, beeinflussten diese Handelsbeziehungen die Kultur der KĂŒstenbevölkerung in Nord- und Nordwestaustralien sowie an der Torresstraße nachhaltig (Przemyslaw 1990 : 92; Wilpert 1987 : 128ff). Im Tauschhandel erwarben sie metallene Äxte, Messer und Speerspitzen. Sie erlernten den Bau von Booten mit Auslegern, ĂŒbernahmen Melodien, Musikinstrumente und sogar ein chinesisches Kartenspiel. In Sprachen und BrĂ€uchen machten sich diese EinflĂŒsse ebenfalls geltend. Es kam zu einer ausgeprĂ€gteren Sesshaftigkeit und einer strafferen, politischen Organisation.

HollÀnder

Dessen ungeachtet waren es die HollĂ€nder, die neue Kunde ĂŒber den SĂŒdkontinent nach Europa brachten und damit eine neue Ära einlĂ€uteten. Nach Willem Jansz, dem ‘Entdecker’ Australiens, kamen noch Jan Carstensz, Frederick de Houtman, Dirk Hartog, Willem de Vlamingh, François Pelsaert, Pieter Nuysz und viele andere HollĂ€nder, die meist in Handelsschiffen unterwegs waren, um GewĂŒrze, Gold und andere GĂŒter aufzunehmen.

Der ruhmreichste unter ihnen war Abel Janszoon Tasman, der als Entdecker Tasmaniens gilt. Tasman erreichte Tasmanien am 24. November 1642 und nannte es zu Ehren des damaligen Generalgouverneurs von NiederlĂ€ndisch-Ostindien, Antony van Diemen, ‘Van-Diemens-Land’. Er war von Batavia aus aufgebrochen und erreichte mit der ‘Heemskerck’ und der ‘Zeahaen’ nach 72 Tagen die Insel. Er war ein erfahrener Navigator und hatte den Auftrag, den SĂŒdkontinent aufzusuchen und dort die Gegend zu erkunden. Außerdem sollte er eine Seeroute durch den Pazifik nach SĂŒdamerika suchen, um neue MĂ€rkte und Ressourcen zu erschließen, was ihm auch beides gelang.

Überhaupt mĂŒsste Abel Tasman aufgrund seiner geographischen Entdeckungen in einem Zuge mit den ganz großen Entdeckern und frĂŒhen Seefahrern genannt werden: Er entdeckte Tasmanien, Neuseeland und die Route sĂŒdlich an Tasmanien vorbei durch den Pazifik nach SĂŒdamerika. Er war auch der Erste, der das ganze Ausmaß Neuhollands (Australiens) erkannte. Tasman erforschte die NordkĂŒste Australiens (1644) vom heutigen Staat Western Australia, den er ‘Eendrachtland’ nannte, ĂŒber den Golf von Carpentaria bis nach Queensland (‘Carpentaria’). Bei dieser Gelegenheit stellte er fest, dass Neuguinea durch eine Meerenge (Torresstraße) von Australien getrennt war. Eine beeindruckende Leistung, die ihm jedoch nie wirklich zu Ruhm und Ansehen verhalf.

Das hatte einen einfachen Grund: Tasman war zwar der Entdecker Tasmaniens, entdeckte aber nicht die Einwohner der Insel, wie manchmal behauptet wird. Er erkannte zwar, dass die Insel bewohnt war, bekam aber einheimische Tasmanier nie zu Gesicht. Auf all seinen Reisen ließ er, obwohl kĂŒhner Seefahrer, beim Kontakt mit ‘Wilden’ Ă€ußerste Vorsicht walten, und wenn es sich vermeiden ließ, verzichtete er ganz darauf. Diese Behutsamkeit wurde ihm bereits zu Lebzeiten von offizieller Seite vorgeworfen.

Er ging 1642 an der OstkĂŒste Tasmaniens vor Anker und war genötigt, seine WasservorrĂ€te aufzufrischen. Ihm klangen noch die damals gĂ€ngigen GerĂŒchte in den Ohren die besagten, diese entlegene Weltgegend sei die Heimat von Monstern und Riesen. Deshalb beschrĂ€nkte er die LandgĂ€nge auf das Allernötigste. Einer seiner Leute entdeckte zwei 18 bis 20 Meter hohe BĂ€ume mit einem Umfang von circa vier Metern, in die Kerben eingeschlagen waren. Sie deuteten diese Kerben richtig als Kletterhilfe der einheimischen Bevölkerung, dachten aber damals, diese dienten dem Ausnehmen von Vogelnestern. TatsĂ€chlich waren sie fĂŒr die Possumjagd geschlagen worden. Der Abstand der in gerader Linie nach oben verlaufenden Kerben schien Tasmans BefĂŒrchtungen zu bestĂ€tigen. Die Distanz zwischen den Kerben betrug circa eineinhalb Meter, woraus er schloss, „dass diese Menschen entweder von ungeheurer GrĂ¶ĂŸe sind oder eine gewisse Art haben, auf BĂ€ume zu klettern, an die wir nicht gewöhnt sind“. Obwohl Letzteres zutraf, ging Tasman von einer riesenhaften Bevölkerung aus und gab somit den in Europa bestehenden GerĂŒchten neue Nahrung. Nach dieser Beobachtung nĂ€herte er sich nur noch einmal vorsichtig dem Ufer, ließ einen seiner Leute an Land schwimmen, der dort die hollĂ€ndische Flagge hisste, und verließ die Insel unter dem Vorwand, dass eine plötzliche WetterĂ€nderung eine weitere Landung unmöglich mache.

FĂŒr die folgenden 130 Jahre sind keine weiteren Landungen auf der Insel belegt. Über 200 Jahre trug sie den Namen ‘Van Diemensland’ und wurde erst 1853 in Tasmanien umbenannt.

Marc-Joseph Marion du Fresne

Demnach war der französische KapitĂ€n Marc-Joseph Marion du Fresne, der Leiter der zweiten europĂ€ischen Expedition der Erste, der Kontakt zu den tasmanischen Aborigines hatte. Er legte unweit Tasmans Landeplatz an der OstkĂŒste der Insel an, um ebenfalls frische Holz- und WasservorrĂ€te aufzunehmen. Er hatte den Auftrag, mit seinen Schiffen ‘Le Mascarin’ und ‘Le Marquis de Castries’ neue Handelsrouten ausfindig zu machen und eine kĂŒrzere Route nach China zu suchen. Du Fresne und seine Begleiter Jules Crozet und Saint-Allouarn entdeckten auf ihren Reisen im Indischen Ozean die Crozetinseln. Sie waren in erster Linie Seefahrer und verfĂŒgten ĂŒber keinerlei wissenschaftliche Kenntnisse. Ihr Weltbild war geprĂ€gt von der bahnbrechenden Arbeit Rousseaus, weshalb Fresne im Gegensatz zu Tasman keine Monster, sondern „edle Wilde“ (nobles sauvages) anzutreffen erwartete: Nackte, glĂŒckliche Menschen in ihrem Urzustand, eingebettet in einen Garten Eden (Robson 1983 : 6; Bonwick 1870b : 2).

Konsequenterweise waren die EuropĂ€er beim Erstkontakt ebenfalls unbekleidet (Ryan 1981 : 50), um Barrieren abzubauen und eventuelles Misstrauen bereits im Keim zu ersticken. Am Morgen des 7. MĂ€rz 1772 nĂ€herten sie sich mit zwei Booten der KĂŒste von North Bay. Eine dreißigköpfige Gruppe Aborigines lief ihnen am Strand entgegen. Deren Frauen und Kinder suchten jedoch Zuflucht in den angrenzenden WĂ€ldern.

Einer der MĂ€nner löste sich von der Gruppe und kam auf sie zu, blieb dann im Wasser stehen und machte den Franzosen Zeichen nĂ€herzukommen. Zwei Besatzungsmitglieder schwammen auf Du Fresnes Zeichen nackt zum Strand. Dort angekommen wurde ihnen von einem Ă€lteren Aboriginal eine Fackel ĂŒberreicht. Diese Geste werteten die zwei Franzosen als Zeichen des Friedens und quittierten sie, indem sie dem Mann einen Spiegel aushĂ€ndigten. Dieser wurde reihum gereicht und löste, ebenso wie die Hautfarbe der Neuankömmlinge, großes Erstaunen aus. Nach einer eingehenden Untersuchung der beiden Seeleute legten die Einheimischen die Speere beiseite und begannen vor ihnen zu tanzen.

Zufrieden mit dem bisherigen Verlauf des Kontaktes legten die EuropĂ€er mit zwei Booten an und bekamen ebenfalls Fackeln ĂŒberreicht. Im Gegenzug ĂŒbergaben sie einige Stoffreste und Messer. Die harmonische Stimmung schlug um in helle Aufregung, als sich ein drittes Boot der Franzosen dem Ufer nĂ€herte. Aufs Äußerste erregt versuchten die Einheimischen, diese Landung mit Gesten und Rufen zu verhindern. Du Fresne gab der Mannschaft des Bootes Signal zum Umkehren. Das Boot wurde jedoch von der Brandung ans Ufer getragen. Daraufhin ging ein Hagel von Speeren und Steinen auf die Franzosen nieder. Du Fresne und einige seiner MĂ€nner wurden von den Steinen verletzt und eröffneten das Feuer. Ein Aborigine kam dabei ums Leben und mehrere wurden verletzt. Der Rest ergriff panisch schreiend die Flucht.

Die Franzosen verließen die Insel und segelten weiter nach Neuseeland. Der Kontakt mit den Māori auf Neuseeland kostete Marion du Fresne das Leben. Er und einige Mitglieder der Mannschaft wurden von den Māori in einen Hinterhalt gelockt, getötet und angeblich verspeist (Robson 1983 : 6). Als der bedeutendste Chronist dieser Expedition, Crozet, nach seiner Heimkehr Rousseau diese Ereignisse schilderte, entgegnete dieser zutiefst bestĂŒrzt: „Ist es möglich, dass die guten Kinder der Natur wirklich so böse sein können?“ (nach Ryan 1981 : 50).

James Cook

Ein Jahr darauf war Captain James Cook auf der Endeavour in den GewĂ€ssern sĂŒdlich von Tasmanien unterwegs. Nachdem er dort auf der Suche nach Land gekreuzt war, wollte er Tasmanien anlaufen. Dieser Plan wurde durch die WetterverhĂ€ltnisse vereitelt und er segelte weiter nach Neuseeland. Den Kontakt zu seinem Begleitschiff Adventure unter dem Kommando von Tobias Furneaux hatte er jedoch aufgrund dichten Nebels verloren. Furneaux warf am verabredeten Treffpunkt vor Tasmanien Anker und unternahm mehrere Landexpeditionen. Bei seinem fĂŒnftĂ€gigen Aufenthalt in der nach seinem Schiff benannten Adventure Bay östlich von Bruni Island kam es zu keinem Kontakt mit der tasmanischen Bevölkerung. Anhand seiner Beobachtungen schloss er, dass sie weder feste Siedlungen noch Boote kannten, und bezeichnete sie als elende, ignorante Rasse, die völlig außerstande sei, die Privilegien des guten Klimas und der ĂŒppigen, fruchtbaren Landschaft zu nutzen (Völger 1971 : 24; Robson 1983 : 27).

Nach dem Ausbleiben von Cook machte sich Furneaux auf den Weg nach Neuseeland, wo dieser dann ebenfalls eintraf. Cook sollte erst auf seiner dritten Reise Tasmanien zu Gesicht bekommen. Auf der Resolution landete er am 26. Januar 1777 ebenfalls in der Adventure Bay und blieb vier Tage. Cook, der bereits seit langem von Tasmanien fasziniert war, Ă€ußerte als Erster den Verdacht, Tasmanien könnte eine Insel sein. Bisher war man der Auffassung, dass Tasmanien den sĂŒdlichsten AuslĂ€ufer Australiens bilde. Dieser Gedanke beschĂ€ftigte ihn bereits 1773 auf seiner zweiten Reise. Aus ZeitgrĂŒnden war er gezwungen, diese Frage auf sich beruhen zu lassen. Denn sein eigentlicher Auftrag lautete, eine geeignete Seeroute zwischen Pazifik und Atlantik zu suchen.

Cooks Entdeckerdrang erschöpfte sich glĂŒcklicherweise nicht in geographischen Fragestellungen. Er war ebenfalls von Rousseaus Thesen fasziniert und auf der Suche nach ‚Wilden‘ in ihrem vermeintlichen Urzustand. So war er beeindruckt von der Kultur der australischen Aborigines: „Nach dem, was ich ĂŒber die Eingeborenen von Neuholland gesagt habe, könnten sie Einigen als das armseligste Volk auf der Welt erscheinen, doch in Wirklichkeit sind sie viel glĂŒcklicher als wir EuropĂ€er; ohne jede Kenntnis nicht nur der ĂŒberflĂŒssigen, sondern auch der notwendigen Bequemlichkeiten, die man in Europa so sehr sucht, sind sie eben darin glĂŒcklich, nicht zu wissen, wozu diese dienen. Sie leben in einer Ruhe, die nicht durch soziale Ungleichheit der Lebensbedingungen gestört wird“ (Heintze 1987 : 70).

Diese ihm eigene Mischung aus Neugier und Toleranz fĂŒhrte dazu, dass sein Aufenthalt des Öfteren als der erste von ethnologischem Wert bezeichnet wird (Ryan 1981 : 51). Cook kam von dieser dritten Reise nicht nach Europa zurĂŒck. Er wurde 1779 auf Hawaii getötet. Umso einflussreicher waren die Aussagen von Cooks Offizier William Anderson, der das Bild der tasmanischen Aborigines in Großbritannien entscheidend beeinflusste.

WĂ€hrend Cooks Aufzeichnungen viele wertvolle Details ĂŒber Aussehen, Schmuck, Frisur und Verhaltensweisen lieferten, war Anderson voller Abscheu gegenĂŒber der angetroffenen Bevölkerung: Es war ihre Schamlosigkeit, die ihn ĂŒberforderte. Bereits die Franzosen amĂŒsierten sich ĂŒber die Angewohnheit der Aborigines, in aller Öffentlichkeit mit dem Penis zu spielen. Ebenso kam es vor, dass sie im Stehen, ohne im Geringsten ihre Stellung zu verĂ€ndern – teilweise sogar wĂ€hrend einer Unterhaltung –, Wasser abschlugen, so dass der Urin ihre Beine hinunterlief. Dazu kam, dass beiderlei Geschlechter in der Regel völlig nackt waren (Robson 1983 : 27). Anderson und die meisten seiner Landsleute waren darĂŒber derart entsetzt, dass sich in Großbritannien Unmut und Abscheu gegenĂŒber den Aborigines breitzumachen begann.

In dieser intoleranten Haltung unterschieden sich die britischen Entdecker generell von den französischen. Das ist einer der GrĂŒnde, warum die wertvollsten ethnographischen Daten dieser Epoche auf die Franzosen zurĂŒckgehen. Ihre Motivation war auch weitaus weniger von BesitzansprĂŒchen, strategischen Überlegungen, Handels- und Wirtschaftsinteressen geprĂ€gt als die der Briten. Die Franzosen standen unter dem Einfluss Rousseaus, Lafiteaus und anderen und waren geprĂ€gt von den Idealen der aufkommenden Französischen Revolution. Cooks Beschreibungen seiner Kontakte zu den Einheimischen mĂŒssen, obwohl reich an Details, wegen der KĂŒrze seines Aufenthaltes viele Fragen offenlassen.

1775 bis 1783 kĂ€mpfte Großbritannien im Nordamerikanischen UnabhĂ€ngigkeitskrieg. Am 4. Juli 1776 erklĂ€rten die dreizehn Kolonien ihre UnabhĂ€ngigkeit von Großbritannien, und 1783 musste Großbritannien diese UnabhĂ€ngigkeit im Frieden von Paris anerkennen. Dies war die bedeutendste Niederlage der Kolonialmacht Großbritannien. Aufgrund dieser Niederlage verstĂ€rkte Großbritannien seine imperialistischen Bestrebungen noch weiter.

Arthur Phillip

Im Mai 1787 brach Gouverneur Arthur Phillip mit elf bewaffneten Schiffen von Großbritannien aus in Richtung Australien auf. Sein Ziel war die Botany Bay an der OstkĂŒste Australiens, die von dem deutschen Geographen und Naturforscher Johann Reinhold Forster und seinem Sohn Georg Forster als Land Eden beschrieben wurde. Nach siebenmonatiger Überfahrt ging die Flotte vor Botany Bay vor Anker. Bei nĂ€herer Erkundung stellte sich die Bucht als völlig ungeeignet zur Besiedlung heraus. Sie segelten weiter, entdeckten den Naturhafen des heutigen Sydney und grĂŒndeten 1788 die erste australische Siedlung Port Jackson. Bis Ende des 18. Jahrhunderts blieb dies die einzige grĂ¶ĂŸere Ansiedlung in Australien. Erst 1803 folgte eine zweite auf Tasmanien. Port Jacksons Bevölkerung bestand aus den insgesamt 1.500 Passagieren, die Gouverneur Arthur Phillip begleiteten. Dies waren Staatsbeamte, Soldaten und 757 deportierte Strafgefangene, darunter 192 Frauen und 18 Kinder (Przemyslaw 1990 : 95).

Den europĂ€ischen Geschichtsschreibern zufolge gaben die ersten Siedler Geschenke im Tausch gegen das Land. Dennoch musste die Siedlung, die bis 1816 ausschließlich aus HolzhĂ€usern bestand, mit starken Palisaden umgeben und bis 1840 stĂ€ndig militĂ€risch bewacht werden. Immer wieder kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit australischen Aborigines.

Die GrĂŒndung der Siedlung Port Jackson in Ostaustralien ist fĂŒr die Entdeckungsgeschichte (vgl. Appendix A) Tasmaniens von zentraler Bedeutung. Da man immer noch ĂŒberzeugt war, dass Tasmanien eine Halbinsel des australischen Kontinents sei, nahmen alle von Europa kommenden Schiffe auf dem Weg nach Port Jackson zunĂ€chst Kurs auf die SĂŒdspitze Tasmaniens und gingen hĂ€ufig an der tasmanischen OstkĂŒste kurz vor Anker. Ab diesem Zeitpunkt war der Anblick von EuropĂ€ern fĂŒr die OstkĂŒstenbevölkerung Tasmaniens keine Seltenheit mehr.

William Bligh

Der nĂ€chste nachgewiesene Kontakt fand im August 1788 statt. Der EnglĂ€nder William Bligh ging mit der ‘Bounty’ in der Adventure Bay vor Anker. Er war auf dem Weg nach Tahiti, um von dort Setzlinge des Brotfruchtbaumes zu den Westindischen Inseln zu bringen. Bligh wusste, was ihn erwartete, denn er war bereits elf Jahre zuvor als Navigator auf Cooks dritter Reise hier gewesen. Tasmanien lag fĂŒr die Briten strategisch so gĂŒnstig, dass Blighs Besatzung in der Adventure Bay nahe einer Quelle eine Reihe von ObstbĂ€umen pflanzte, um nachfolgenden Reisenden die Proviantaufnahme zu erleichtern. Die Kontakte mit der Bevölkerung von Bruni Island verliefen friedlich: Als sie die Landungsboote entdeckten, reckten sie die Arme ĂŒber den Kopf und verfielen Bligh zufolge in ein aufgeregtes ‘Geschnatter’, das ihn an GĂ€nse erinnerte. Alle dargereichten Geschenke legten sie sich nach kurzer PrĂŒfung auf den Kopf (Gould 1980 : 9; Turnbull 1963 : 35).

Die Bandbreite des Umgangs mit Geschenken der europĂ€ischen Entdecker reichte von völliger Ablehnung bis zur totalen VerzĂŒckung, wobei die Briten eine Ablehnung meist als persönliche Beleidigung empfanden. Die Franzosen wiederum sahen diese ablehnende Haltung mit Wohlwollen (Robson 1983 : 26f), da sie ihr Bild der Vollkommenheit des paradiesischen Urzustandes bestĂ€tigt sahen. Möglicherweise handelt es sich bei Blighs Kontakt um dieselben Familien, die bereits Cook elf Jahre zuvor aufsuchte (vgl. Völger 1971 : 26). Sein kurzer Bericht enthĂ€lt jedenfalls keine wichtigen Neuerungen. Erst kurze Zeit spĂ€ter wurde entdeckt, dass die Adventure Bay (Abb. 8) nicht an der KĂŒste Tasmaniens, sondern an einer ihr vorgelagerten bewohnten Insel lag.

Blighs eigentliche Mission, der Transport der Brotfruchtbaumsetzlinge zu den Westindischen Inseln, schlug wegen der berĂŒhmt gewordenen Meuterei auf der Bounty fehl. Dennoch wurde er vier Jahre spĂ€ter noch einmal mit dem gleichen Auftrag betraut und ankerte auch dieses Mal am 8. Februar 1792 in der Adventure Bay vor Bruni Island. Nur eine einzige seiner Pflanzen, ein Apfelbaum, hatte ĂŒberlebt. Bei diesem zweiwöchigen Aufenthalt (seinem dritten und letzten) machte er eine Vielzahl interessanter Beobachtungen und spekulierte bereits ĂŒber ethnologische Problemstellungen, die bis heute nicht zufriedenstellend geklĂ€rt werden konnten (vgl. Völger 1971 : 26).

John Henry Cox

Zwischen Blighs Besuchen machte sich Captain John Henry Cox auf den Weg nach Tasmanien (Robson 1983 : 8). Er lief am 28. Februar 1789 in Großbritannien aus und traf bereits am 3. Juli an der SĂŒdwestspitze Tasmaniens ein. Cox lĂ€utete die in ethnologischer Hinsicht so bedeutende Epoche der Robben- und WalfĂ€nger ein, indem er Großbritannien Kunde brachte von der reichhaltigen MeeressĂ€ugerfauna in diesem Teil der Erde. Dass er damit zu einem der Vorboten des Niedergangs der tasmanischen Kultur wurde, war ihm vermutlich nicht bewusst, denn er pflegte freundschaftlichen Umgang zur Inselbevölkerung. WĂ€hrend seines Aufenthalts auf Maria Island, wo eine kurze Begegnung mit den tasmanischen Aborigines stattfand, gab er der Oyster Bay ihren Namen.

Er beschrieb sie als glĂŒcklich, harmlos und völlig unkultiviert. Obwohl eher befangen, fanden sie großen Spaß daran, die Bewegung und Mimik der EuropĂ€er nachzuahmen. Ethnographisch bedeutsamer als das Treffen selbst, bei dem wieder ausgetauschte Geschenke abgelehnt wurden, waren seine Beobachtungen in den Tagen vor dem kurzen Kontakt. Wie schon so oft in dieser Ära der Entdecker fand er mehrere LagerplĂ€tze, die kurz zuvor fluchtartig verlassen worden waren. Deren Inventar unterzog er genaueren Untersuchungen.

Joseph Bruny d’Entrecasteaux

Bligh hatte gerade seinen dritten Aufenthalt auf Van Diemens Land beziehungsweise Bruni Island beendet, als wieder Schiffe vor der KĂŒste Tasmaniens auftauchten. Es waren Franzosen, die mit dieser Expedition einen Meilenstein in der Entdeckungsgeschichte Tasmaniens setzten. Erstmals wurde die Insel von hochkarĂ€tigen Wissenschaftlern betreten und erforscht. Sie waren von Frankreich ausgesandt, um nach Lebenszeichen einer frĂŒheren französischen Expedition zu suchen: 1785 war Jean Francois Galoup de la PĂ©rouse mit zwei Forschungsschiffen entsandt worden und nie zurĂŒckgekehrt.

Joseph Bruny d’Entrecasteaux hatte den Auftrag, den Verbleib dieser beiden verschollenen Schiffe zu klĂ€ren und die SĂŒdsee nebst ihren Ressourcen zu erkunden. Er ging am 21. April 1792 vor der KĂŒste Tasmaniens vor Anker (Robson 1983 : 8; Ryan 1981 : 53). An Bord befanden sich Wissenschaftler aller Couleur: Naturforscher, Botaniker, Zeichner, Kartographen, Ärzte und Astronomen, darunter einige der meisttalentiertesten Forscher, die Frankreich damals zu bieten hatte (Ryan 1981 : 53).

Der Leiter der Expedition d’Entrecasteaux kehrte nicht mehr nach Frankreich zurĂŒck. Er starb auf dieser Reise an Skorbut. Neben KapitĂ€n Jean-Michel Huon de Kermadec machten vor allem zwei Besatzungsmitglieder von sich reden: E.P.E Rossel, der erste Offizier der ‘Recherche’, der 1808 in Paris ĂŒber diese Expedition publizierte. Seinem Bericht liegt unter anderem das Tagebuch von d’Entrecasteaux zugrunde. Der ergiebigste Reisebericht stammt aus der Feder des 34-jĂ€hrigen Naturforschers Jacques Julien Houtou de LabillardiĂšre, der auch detaillierte Beschreibungen der Lebensweise der Insulaner beinhaltet.

D’Entrecasteaux ließ auf dieser Reise zweimal die SĂŒdostkĂŒste Tasmaniens anlaufen. Die erste Untersuchung dauerte vom 21. April bis Ende Mai 1792. Im Januar 1793 kehrten sie zurĂŒck und blieben bis Februar. Insgesamt dauerte ihr Aufenthalt in Tasmanien circa zehn Wochen (Plomley 1966c : 3). In dieser Zeit kam es zu zahlreichen, harmonisch verlaufenden Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung.

Die Franzosen nĂ€herten sich der tasmanischen Bevölkerung sehr gefĂŒhlvoll. Sie ließen sich geduldig von Kopf bis Fuß mustern und sich von den Frauen die Gesichter schwĂ€rzen. Sie aßen, sangen und lachten zusammen, spielten mit den Kindern und es kam zu vielen, wechselseitigen Einladungen. Es fanden freundschaftliche RingkĂ€mpfe am Strand statt; abends wurden die Franzosen zu ihren Booten geleitet und am Morgen wieder enthusiastisch begrĂŒĂŸt (Broome 1982 : 23; Ryan 1981 : 54; Robson 1983 : 26).

DarĂŒber hinaus machten sie noch eine Reihe geographischer Entdeckungen. D’Entrecasteaux erkannte als Erster, dass Bruni Island, der bevorzugte Landeplatz der Briten, eine Insel ist. Die trennende Wasserstraße wurde nach ihm benannt. Er entdeckte die MĂŒndungen der FlĂŒsse Huon und Derwent. Er segelte den Derwent hinauf und kartierte die Norfolk Bay.

Zwischen den beiden Besuchen von d’Entrecasteaux sind keine weiteren Landungen durch EuropĂ€er belegt. Zwei Monate nach Beendigung seiner zweiten Landerkundung traf der junge, ehrgeizige EnglĂ€nder John Hayes auf der Insel ein. Sein Aufenthalt im d’Entrecasteaux-Channel dauerte vom 26. April bis zum 9. Juni 1794 (Plomley 1993 : 18). Hayes erkundete in dieser Zeit die Gegend grĂŒndlich; unwissend, dass ihm die Franzosen bereits zuvor gekommen waren. Es ist völlig unklar, warum sich Hayes so lange in Tasmanien aufhielt, denn er war eigentlich auf dem Weg nach Neuguinea. Nur durch Zufall nahm er witterungsbedingt den Umweg um den Sahulschelf. Sein Tagebuch, das ĂŒber die genaueren UmstĂ€nde seines Aufenthaltes Aufschluss geben könnte, ging leider verloren. Das Schiff, mit dem er es Richtung Großbritannien sandte, wurde von den Franzosen gekapert (Völger 1972 : 29).

Matthew Flinders

Zu diesem Zeitpunkt war man immer noch der Meinung, Van Diemens Land (Tasmanien) sei der SĂŒdauslĂ€ufer Neuhollands (Australiens). Obwohl sich seit Cooks Verdacht die Hinweise und GerĂŒchte hĂ€uften, wurde erst im Oktober 1798 eine Expedition ausgerĂŒstet, um diese Frage endgĂŒltig zu klĂ€ren. George Bass und Matthew Flinders wurden beauftragt, Tasmanien wenn möglich zu umsegeln, um somit den Beweis zu erbringen, dass es eine Insel sei.

Es war möglich und somit wurde die fĂŒr die Entdeckungsgeschichte Tasmaniens so bedeutsame Route um die tasmanische SĂŒdkĂŒste als Umweg erkannt. Bass und Flinders benötigten fĂŒr die Umsegelung (7. Oktober 1798 bis 12. Juni 1799) fast ein dreiviertel Jahr (Robson 1983: 9). Dabei entdeckten und kartierten sie nicht nur die bis dahin unbekannte NordkĂŒste, sondern auch Teile der wenig bekannten WestkĂŒste (Abb. 9). Sie kartierten die Furneaux Inseln und andere Inseln der Bass-Straße. Aus deren UnberĂŒhrtheit schlossen sie zu Recht, dass die Bewohner von Van Diemens Land der Seefahrt im offenen Meer unkundig waren. Mit der Bevölkerung entstanden lediglich kurze und oberflĂ€chliche Kontakte, die nur dĂŒrftig beschrieben wurden.

Diese Kontakte fanden ebenfalls an der SĂŒdostkĂŒste Tasmaniens statt, die Flinders bereits als Besatzungsmitglied auf Blighs zweiter Reise kennengelernt hatte (Völger 1971 : 30). Flinders war von ihrem offenen, freundlichen Wesen beeindruckt und stellte die Ähnlichkeit zur Bevölkerung von New South Wales fest (Ryan 1981 : 57f).

Flinders war auch der Erste, der spĂ€ter Neuholland umsegelte und den Namen ‘Australia’ vorschlug (Przemyslaw 1990 : 7, 98). King Island, das Flinders ĂŒbersehen hatte, wurde noch im gleichen Jahr von Reed kartiert. Macquarie Harbour und Port Davey an der WestkĂŒste wurden erst 1815 von Kelly und Birch entdeckt, die ebenfalls die Insel umschifften (Bryden 1965 : 38).

Nicolas Baudin

Zehn Jahre nach dem Besuch von LabillardiĂšre – kurz bevor Tasmanien von Großbritannien beziehungsweise Australien aus kolonialisiert wurde – traf eine zweite französische wissenschaftliche Expedition unter der Leitung von Nicolas Baudin auf der Insel ein. Deren 22-köpfige wissenschaftliche Crew mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren setzte sich zusammen aus drei Botanikern, fĂŒnf Zoologen und jeweils zwei GĂ€rtnern, Mineralogen, Astronomen, Kartographen und KĂŒnstlern (Plomley 1966c : 3). Letztere, Petit und Lesuer, fertigten eine Vielzahl von PortrĂ€ts sowie einige Zeichnungen, die Alltagsszenen, GrabstĂ€tten, GegenstĂ€nde des tĂ€glichen Gebrauchs und Waffen darstellten. Vor allem die Arbeiten von Petit werden meist gelobt. Seine PortrĂ€ts waren zwar noch stark von Zeitgeist und Ästhetikempfinden der damaligen Epoche geprĂ€gt, stellten aber dennoch alle bisherigen Darstellungen in den Schatten (Abb. 44).

Die Ergebnisse dieser Reise wurden verfasst und editiert von einem Mitglied der Crew, dem Naturforscher, Anthropologen und Mediziner (Triebel 1947 : 64) François PĂ©ron. Nach PĂ©rons Tod wurde die Arbeit von Louis de Freycinet fertiggestellt. Diese Arbeit stellt die beste ethnographische Quelle dar, die wir aus ‘voreuropĂ€ischer’ Zeit von den Einwohnern Tasmaniens besitzen. Am 14. Januar 1802 erreichte Kommandant Baudin tasmanische GewĂ€sser. Auch diese Expedition hielt sich im Osten Tasmaniens auf. Sie erkundete unter anderem den Huon River, die Oyster Bay und die östlich vorgelagerte Insel Maria Island. Sie blieben insgesamt 43 Tage. Ähnlich wir vorher bei d’Entrecasteaux kam es zu zahlreichen herzlichen Begegnungen, in denen sich vor allem PĂ©ron als wichtiger Beobachter hervortat. James Bonwick beschreibt ihn als „angenehmen Sentimentalisten, der die romantische Schule von Rousseau in tiefen ZĂŒgen eingenommen hatte“ (Bonwick 1870a : 92).

An der MĂŒndung des Huon Rivers trafen sie einen etwa 23-jĂ€hrigen Aboriginal. Wie bereits bei frĂŒheren Begegnungen war auch dieser am meisten erstaunt ĂŒber die Hautfarbe der Besucher. Furchtlos ging er zu ihnen und öffnete die Jacken und Hemden der Franzosen; zweifellos um sich zu vergewissern, ob die Farbe am Körper die gleiche wie im Gesicht sei. Nachdem er diese Leibesvisitation beendet hatte, begann er in heller Aufregung zu schreien und schnell mit den FĂŒĂŸen zu stampfen.

Einer jungen Frau ĂŒberreichten sie ein Beil, ein Taschentuch und eine rote Feder. „Sie schrie, sie lachte, sie schien berauscht vor GlĂŒck und als wir uns vom Ufer abstießen, war ihr Schmerz ergreifend“ (PĂ©ron nach Turnbull 1963 : 38f). Am 22. Februar trafen sie auf eine Gruppe von vierzehn MĂ€nnern und wurden sofort freundlich eingeladen (Ryan 1981 : 63). Sie aßen zusammen und die Franzosen sangen ihnen die Marseillaise vor, was große Heiterkeit auslöste (PĂ©ron 1809 : 173ff). PĂ©ron ĂŒberprĂŒfte ihre Körperkraft anhand eines TrainingsgerĂ€tes (Regnier Dynameter) und stellte entgegen seinen Erwartungen fest, dass sie weitaus weniger Kraft hatten als er oder einer seiner Offiziere, worĂŒber die Aborigines zum Teil sehr verĂ€rgert waren (PĂ©ron 1809 : 222, 313f).

Nicht alle Treffen verliefen so harmonisch und friedlich. Bei einem Ausflug nach Bruni Island schlug nach einer freundlichen Begegnung die Stimmung aus ungeklĂ€rter Ursache um und beim Besteigen der Boote wurde ein Matrose durch einen Speer an der Schulter verletzt (PĂ©ron 1808 : 192; Völger 1971 : 32). Auch bei einer anderen Gelegenheit wurden sie mit Steinen beworfen und traten den RĂŒckzug an (PĂ©ron 1808 : 197; Völger 1971 : 32).

Aggressionen weckte bei der vierten Begegnung der Maler Petit. Er hatte bereits einige Zeichnungen angefertigt, was jedoch mit einem Mal nicht weiter geduldet wurde. Nur mit MĂŒhe konnte er einem Keulenschlag entgehen. ZunĂ€chst konnten die Franzosen die Situation entschĂ€rfen, aber als sie in die Boote stiegen, ging wieder ein Steinhagel auf sie nieder. Auf Maria Island kam es ebenfalls nach anfĂ€nglicher Harmonie zu Auseinandersetzungen, die die Franzosen zum RĂŒckzug veranlassten. Es ist den Leitern dieser Expedition hoch anzurechnen, dass sie bei diesen VorfĂ€llen auf den Gebrauch von Schusswaffen verzichteten.

PĂ©ron war derartig beeindruckt von den tasmanischen Aborigines, dass er keiner MĂŒhe oder Gefahr aus dem Wege ging und unermĂŒdlich neue Begegnungen herbeifĂŒhrte. Aufgrund seines Interesses wurden uns viele Details der Kultur ĂŒberliefert. Nebst Angaben ĂŒber Aussehen, Schmuck, Essgewohnheiten, soziale Organisation und Beschreibung der Siedlungen einschließlich des Inventars war seine Entdeckung der GrabstĂ€tten der Aborigines von besonderer Bedeutung. Seine Beobachtungsgabe war bemerkenswert und seine Angaben zeichnen sich aus durch Genauigkeit, EinfĂŒhlungsvermögen und GlaubwĂŒrdigkeit. Jedoch war seine Behauptung, die Bewohner Tasmaniens seien die unzivilisiertesten der ganzen Welt, Wasser auf die MĂŒhlen des gerade aufkeimenden Sozialdarwinismus, deren Vertreter sich bald auf die Suche nach dem Bindeglied zwischen Mensch und Affe begaben (Ryan 1981 : 63).

Nach dieser Expedition erholte sich die Crew fĂŒnf Monate lang in Sydney. WĂ€hrend dieses Aufenthaltes kam dem damaligen Gouverneur King ein folgenschweres GerĂŒcht zu Ohren: Demnach hĂ€tte einer der französischen Offiziere verlauten lassen, es sei die Absicht Frankreichs, in Tasmanien eine Kolonie zu grĂŒnden. Die Tatsache, dass Tasmanien kein Teil Neuhollands war, verlieh der Insel damals den Status eines Niemandslandes.

King war entschlossen, den Franzosen zuvorzukommen. In einer ĂŒberstĂŒrzten Aktion schickte er einen Abgesandten, Leutnant Robbins, der die Insel offiziell in den Besitz der britischen Krone bringen sollte. Sein Auftrag lautete, die Franzosen, die sich bereits auf der Heimreise befanden einzuholen und ihnen unmissverstĂ€ndlich klarzumachen, dass Tasmanien bereits annektiert sei. „Zum großen VergnĂŒgen der Franzosen entledigte sich Robbins seiner Aufgabe auf eine etwas lĂ€cherliche Weise: kaum war der kleine Schoner vor der King Insel vor Anker gegangen, landete er mit einer kleinen Gruppe seiner Leute, die sich eilenden Schrittes zu den Zelten der Franzosen begaben. Dort hissten sie die englische Flagge, feuerten einige Salven ab, schrien dreimal Hurra und erklĂ€rten die Insel zum Besitz ihres Königs“ (Völger 1971 : 34).

Baudin, der Leiter der französischen Expedition verurteilte diese Maßnahme des Gouverneurs. In Sydney hatte er die Folgen der Kolonisation fĂŒr die Aborigines hautnah miterlebt. In einem Brief an King schrieb er: „Es wĂ€re unendlich ruhmreicher, die Bewohner der verschiedenen LĂ€nder, die unserem Recht unterstehen, fĂŒr die Gesellschaft zu formen, als den Wunsch zu Ă€ußern, diejenigen, die so weit abgelegen sind, durch sofortige Besitznahme des Bodens, den sie besitzen und der sie geboren hat, zu berauben“ (Ryan 1981 : 64).

King zeigte sich wenig beeindruckt von der liberalen Haltung des Franzosen und um jegliches Risiko zu vermeiden, grĂŒndete er kurz darauf, ausgehend von Sydney, die erste Siedlung auf tasmanischem Boden. Zu diesem Zeitpunkt war von Van Diemensland nicht viel mehr als seine groben Umrisse bekannt. Die Erkundungsexpeditionen wurde auch von französischer Seite fortgesetzt (Plomley 1966c : 4; Marchant 1969 : 3). Selbst noch in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts waren weite Landstriche Tasmaniens nur unzulĂ€nglich kartiert (Bryden 1960 : 39).

Die Aufzeichnungen der Forschungsreisenden dieser Epoche sind von besonderer Bedeutung, da sie die tasmanische Kultur in ihrer unverfĂ€lschten Form beschreiben. Dennoch gilt es zu berĂŒcksichtigen, dass zur damaligen Zeit Völkerkunde als Wissenschaft noch nicht etabliert war. Die Auswirkungen dieser Forschungsreisen erscheinen im Vergleich zur Kolonialgeschichte nahezu bedeutungslos. Und dennoch hatte bereits die Epoche der Entdeckungsreisen in der tasmanischen Kultur ihre Spuren hinterlassen. Der ethnologischen Forschung bleibt das Ausmaß und die Art dieser Spuren – in Tasmanien ebenso wie in anderen Regionen der Welt – grĂ¶ĂŸtenteils verschlossen. Es ist leicht vorstellbar, dass diese Epoche vor allem im Osten der Insel (Mulvaney u. White 1987 : 314) nicht ohne Folgen blieb. Über die Art der Folgen können wir indes nur spekulieren.

SpĂ€tere diesbezĂŒglichen Entwicklungen der Kolonialzeit lassen vermuten, dass bereits von den Reisenden Krankheiten mit epidemischer Wirkung eingeschleppt wurden (vgl.: Plomley 1966c : 3), die einerseits zu TodesfĂ€llen, andererseits auch zur partiellen ImmunitĂ€t der Bewohner gegenĂŒber spĂ€teren Ansteckungen hĂ€tten fĂŒhren können, wie man sie zum Beispiel bei den Trepangfischern Nordaustraliens beobachten konnte (Przemyslaw 1990 : 98).

Ein anderer Aspekt, dessen Auswirkung man nur erahnen kann, sind die unzĂ€hligen Geschenke, die die Seefahrer unter der ‘voreuropĂ€ischen’ Bevölkerung verteilten. Ebenso unklar bleiben die Motive der Reaktionen ĂŒber solche Gastgeschenke, die von totaler VerzĂŒckung ĂŒber (gespielte ?) GleichgĂŒltigkeit bis hin zu offener Aggression reichten. Der Hochmut der Besitzenden und der Neid der Leerausgegangenen haben möglicherweise zu sozialen Spannungen gefĂŒhrt. Speziell bei den Geschenken in Form von KleidungsstĂŒcken kann ein Zusammenhang zu auftretenden Krankheiten nicht ausgeschlossen werden.

Sowohl die Matrosen als auch die seit Cox auftretenden RobbenfĂ€nger hatten bereits sexuelle Kontakte (Robson 1983 : 27, 29; Turnbull 1963 : 35) zu den Aborigines, die hĂ€ufig nicht ohne Konsequenzen blieben. Mit Sicherheit fĂŒhrte diese bereits in vorkolonialer Zeit eingetretene Hybridisation der tasmanischen Bevölkerung zu gesellschaftlichen Konflikten.

FĂŒr derartige Besuche war jedoch im Weltbild der ‘Tasmanier’ kein Platz, so dass sie es entsprechend modifizieren mussten. Aufgrund der Sozialstruktur der Aborigines in Verbindung mit der begrenzten Ausdehnung ihres Lebensraumes ist spĂ€testens seit d’Entrecasteaux’ Besuch abwegig, von einer ‘voreuropĂ€ischen’ Bevölkerung zu sprechen.

Offensichtlich wurde jede Landung von den Einheimischen ebenso registriert wie die vorbeiziehenden Schiffe, die sich zum Teil auch inoffiziell und von der Geschichtsschreibung ĂŒbergangen in diesen GewĂ€ssern aufhielten. Auch muss man annehmen, dass sie sich wechselseitig, möglicherweise ĂŒber große Entfernungen hinweg, ĂŒber derartig exotische Begegnungen informierten und den Versuch unternahmen, diese zu interpretieren. Selbst ein harmonisch verlaufendes Treffen musste bei ihnen starke Verunsicherung auslösen. DarĂŒber hinaus ist zu vermuten, dass die Aborigines von der Technologie der EuropĂ€er – entgegen den Behauptungen der AnhĂ€nger Rousseaus – ebenso beeindruckt wie eingeschĂŒchtert waren.

Alle diese Ă€ußeren Einwirkungen der Entdeckerepoche waren jedoch nur eine Vorahnung auf die folgende Kolonialzeit. Siehe dazu Geschichte Tasmaniens.